2006-11-06
Interview mit Piggnigg
Piggnigg aus dem Französischen übersetzt heisst: "Nimm dir eine Kleinigkeit". Was hat das bei euch zu bedeuten?
Daniel Auch mit vier G geschrieben.
Nein ..., kein einziges.
Wolfgang Nimm dir und gib viel.
Tatsächlich euer Motto?
Wolfgang Stell dir vor, auf keinen Fall. Dieser Name entstand so wie viele Begriffe. Heute weiss keiner mehr woher sie stammen. Weshalb hat ein Stadtteil einen bestimmen Namen? Man weiss es einfach nicht mehr.
Daniel Damals, als wir uns für diesen Namen entschieden, dachten wir, er vermittle einen easy Eindruck. Picknick und Zusammensein – eine angenehme Stimmung.
Auf eurer Webseite sind auch Bilder von Wanderungen zu finden.
Daniel, lacht Das sind unsere Betriebsausflüge, wie man heute zu sagen pflegt.
Wolfgang Um noch mal auf den Namen zurück zu kommen: Den ziehen wir weiter mit. Es ist aber so, dass, wenn wir erneut einen Namen suchen würden, wir uns sicher nicht Piggnigg nennen würden... Heute wäre ein anderer Name angesagt. Grosse Mahlzeit. Oder das grosse Fressen.
Gelächter. Erwähnt sei, dass die Herren noch keinerlei Anzeichen eines Bauchs haben.
Seid ihr intellektuell, so wie ihr euch gebt? Eure Texte haben etwas Spezielles.
Daniel Es sind natürlich keine oberflächlichen Texte, die so klar wie ein Schlager sind.
Wolfgang Es soll auch nicht alles geradlinig verlaufen. Die Texte sollen einen auch etwas im "Gnuusch" herumführen. Nicht immer, aber genau dann, wenn man es nicht erwartet.
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25 Jahre im Untergrund: Wollt ihr dort bleiben?
Daniel Hast du gerade Untergrund gesagt?
Ja.
Daniel Ja, Untergrund ist gut. Wir sind in einer Zwischensphäre, zwischen unten und oben, zwischen Stuhl und Bank, nicht klar einzuordnen, irgendwo dazwischen. Untergrund würde aber bereits bedeuten, dass wir subversiv sind.
Bandkollegen "Red nöd so gschiid!" Gibst dir schön Mühe, sonst sprichst du ganz anders.
Daniel Wollen wir`s so sagen: Es gibt die klassische Rockschiene, und dort hast du ganz klar Probleme mit dem St. Galler Dialekt. Er ist keineswegs der perfekte Rockdialekt. Aus dieser Sicht gesehen sind wir ganz klar ein Mischprodukt, das spezielle Komponenten vereint.
Mit unserer Rockmusik, live vielleicht sogar noch etwas mehr, und mit den Texten sprechen wir nicht nur den Bauch, sondern direkt das Hirn an. Natürlich nur bei Personen, die das suchen. Deshalb sind wir auch nicht genau schubladisierbar, ob wir nun bei Liedermachern oder bei den Rockern zuhause sind. Wir gehen etwa zu zweit mit der akustischen Gitarre in Kleintheater. Auch dort können wir unsere Songs 1:1 spielen.
Seid ihr nach 25 Jahren erwachsener? In eurem Pressetext steht "knabenhafte Stimmen"...
Daniel, zu Wolfgang Hast du das geschrieben?
Daniel Eigentlich stimmt es auch, dass wir mit zwanzig viel lieblicher waren als jetzt. Und jetzt, im Alter, werden wir radikaler. Andere werden eher altersmilde und wir radikal. Die Frage war aber, ob wir erwachsener wurden. Ganz klar wurden wir altersmässig älter. Musik hält dich aber immer jung, irgendeine Stelle im Körper bleibt weiter jung, auch wenn er nach aussen alt aussieht.
Mundartbands gibt es viele – auf St. Gallerdeutsch ist das aber doch was Spezielles.
Wolfgang Es ist exotisch, auch das ist in einem gewissen Sinn schon subversiv. Damit beleidigt man im Grunde die Berner Szene.
Einen in Berndeutsch gesungenen Song habt ihr aber doch noch im Repertoire.
Wolfgang Einen Song von Manni Matter haben wir neu interpretiert und noch den Song "Fidiri", mit dem wir die Volksmusik verulken.
Wie kommt St. Galler Musik ausserhalb von St. Gallen an?
Daniel Gross Konzerte ausserhalb von St. Gallen haben wir nicht, der Clip auf SF2 kommt aber in der ganzen Schweiz gut an. Erstaunlicherweise ist es ein neutraler Dialekt, für Nicht-St. Galler. Die St. Galler selber haben wohl am meisten Probleme mit ihrem Dialekt.
Wolfgang Es ist ein Scheiss Dialekt sagen alle, aber wir glauben das einfach nicht. Im Grunde ist er unser Instrument.
Daniel Es fragt sich natürlich auch, wie man singt. Denn zwischen einer Anita Buri, als Thurgauerin und uns ist ein grosser Unterschied. Viele meinen, der Thurgauer Dialekt sei der St. Galler. Viel wichtiger ist, wie einer singt und nicht wie er spricht. Nicht jeder Englisch Singende wird gleich wahrgenommen, auch dort gibt es Unterschiede. Man muss das ganze etwas beobachten und bereits beim Texten darauf achten, dass die Texte auch singbar sind. Gewisse Worte lassen sich auf St. Gallerisch gar nicht singen.
Ein Album habt ihr mal auf Englisch aufgenommen. Wart ihr im Englischen nicht zuhause?
Wolfgang Damals waren wir auch noch etwas jünger. Wir haben uns gesagt, dass die Hörer laufend an unseren Texten herum studieren, jedes Wort wurde ausgelegt. Wir wollten die Hörer nicht so stark auf den Text fixieren, und haben uns daher dem Englischen Schubiduba zugewandt. Natürlich haben die Texte auch im Englischen einen gewissen Inhalt. Man nimmt es einfach nicht auf den ersten Blick wahr. Es war aber nicht der richtige Weg.
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Wie ist bei so langen Pausen der Kontakt zu den "Fans"?
Wolfgang Fan kommt von fanatic. Fans haben wir natürlich nicht. Ein Groupie haben wir, mehr nicht.
Schallendes Gelächter.
Daniel Daher ist es auch lustig, dass wir Menschen haben, die uns schon seit Jahren begleiten. Menschen, von denen wir wissen, dass ihnen unsere CDs auch gefallen. Sozusagen eine Stammkundschaft. Es kommen natürlich auch immer wieder neue dazu. Wir waren in den letzen Jahren auch unberechenbar. Keine CD tönte wie die andere, daher haben wir mit unserer Arbeit auch immer wieder neue Hörer angesprochen. Mit den Texten und der Musik sprechen wir selbst Kinder an. Über die Kinder kamen wir an ganz coole Menschen ran, weil die Kinder Fan sind. Ein Bekannter erzählte letzthin, dass er der Kinder wegen die CD dreimal spielen musste. Das sind dann aber natürlich nicht jene, die bei den Konzerten vorne an der Bühne stehen. Daher ist es sehr interessant, ein so vielschichtiges Publikum zu haben.
Wolfgang Wir können auch gar nicht genau sagen, wer und wo unser Publikum ist.
Daniel Was uns natürlich ganz sicher auszeichnet, sind die Texte, die einem spontan auffallen. Die Hörer merken, dass sie es verstehen, und merken gar nicht, dass überhaupt noch Musik läuft. Und wenn man nach der Musik fragt, heisst es meist: "Ah jojo, isch au no, aber dä Täxt..". Viele fragen auch, wie wir das nun gemeint haben. Würden wir in Englisch singen, bekämen wir nie solche Feedbacks. Das ist das Interessante, wenn ich merke, dass die Hörer in die Stücke hinein gehen und zu verstehen versuchen.
Tiefgründige Texte wie "Ha gern ä schlechti Welt und wenn`s Volk die Schlechte wählt...",: Da ist doch ganz klar der Rebell in euch zu spüren.
Wolfgang Molmol, ist so. Im Grunde sind wir gut bürgerlich situiert und trotzdem...
Für die anderen scheint dies dann doch nicht ganz zuzutreffen.
Bünzlig, integriert, aber trotzdem frei, und irgendwo auch subversiv – im Grunde sind wir sehr radikal, wir dürfen gar nicht alles sagen, was wir denken.
Daniel In den Texten nimmst du dies auch wahr, dass wir vordergründig schöne Melodien und Texte haben, und der Ausgang wird dann trotzdem recht "gäch". Es sind keine Songs, die von Beginn weg derb wie ein Punksong sind. So, dass von Beginn weg alles als Scheisse deklariert wird.
Zum Schluss noch 5 Schlagworte.
OLMA Halle 4 und 5
Bär Ganz wichtig und ein gutes Haustier. Sympathieträger für uns alle und bringt eine gute Show.
Alter Gibt`s…, kann vorkommen.
Darüber sprechen Muss manchmal sein, aber meistens nicht.
Durchbruch Schon lange vorbei, nur hat es niemand gemerkt.
Vielen Dank, dass ihr euch auf eurem subversiven Kampf Zeit genommen habt, an der Oberfläche eure Meinung Kund zu tun.
