2006-07-02
Einmal ein VIP sein
Voller Stolz halte ich meinen grünen VIP-Pass in der Hand. Endlich kein Warten am Eingang, ein sauberes WC und eine garantierte Sicht auf die Bühne. Ein kleiner Traum geht in Erfüllung: einmal jemand wichtiger zu sein. Ein kurzer Blick in die VIP-Zone bringt einen ernüchternden Eindruck. Von wilden Gelagen ist bis jetzt noch nicht viel zu sehen: Aussen am Zaun läuft bedeutend mehr, beim Kampf um die begehrten Zeltplätze.
Schnell mein Notebook installiert und ab nach draussen. Lange würde ich es hier hinten nicht aushalten, mindestens in diesem Zustand nicht. Draussen bin ich ein ganz normaler Besucher, abgesehen von meiner Kamera, die doch keine zu unterschätzende Grösse mit entsprechendem Gewicht hat.
Der Tag vergeht wie im Flug. Bilder sammeln sich auf meiner Karte und die Konzerte beginnen langsam aber sicher besser zu werden. Wo soll ich nun das Konzert hören? Als "Normalo" unten im Publikum oder als VIP schräg vor der Bühne? Ich entschliesse mich nach draussen zu gehen, zumal ich hier hinten nur wenige kenne und die Stimmung doch etwas verhaltener ist.
Einen Vorteil hat es aber, als Fotograf am Openair St. Gallen unterwegs zu sein. Ich bin den Stars und Sternchen auf der Bühne für einige Minuten wirklich nah. So nah, wollte ich, sie berühren könnte. Bleibt dazu aber wirklich Zeit? Habe ich nicht Bilder jener zu schiessen, die einen Meter über mir stehen, oder jener Masse, die mir dicht im Nacken sitzt? Es bleibt keine Zeit. Die Bilder müssen in den Kasten. Drei Songs sind sowieso etwas kurz, auch wirklich noch einige spannende Bilder zu knipsen. Das ist purer Stress.
Die etwa zwei auf sechs Meter Boden, welche den Fotografen zur Verfügung stehen, sind hart umkämpft: Objektive werden dem Vorderen auf den Kopf geschlagen, am Gürtel gezogen und extrem gedrängelt. Fast schlimmer als in der vordersten Publikumsreihe. Alles nur, um das EINE Foto zu erhaschen.
Es gibt aber auch noch Fotografen, die das Konzert im Fotograben geniessen – ohne Kamera! Wirklich, zwei junge Berner, die für ein Jugendmagazin berichten, stehen einfach nur strahlend zwischen den Fotografen. Ein erfreulicher Anblick, verbissene „Profifotografen“ gibt es genug.
Eigentlich war es in der VIP-Zone wie in den vergangenen Jahren gemässigt ruhig. Schade eigentlich, denn selbst wenn die Massen draussen toben, ist hier hinten meist nur ein kleines Wippen sichtbar. Einzig beim Auftritt von Manu Chao sind zwei auszumachen, die auch in der "sterilen", von jeglichem Dreck befreiten Zone, losshaken.
Ein Konzert als VIP zu geniessen, dieses Privileg darf man sich sicher nicht entgehen lassen. So etwa eine Kollegin: "Kommst du mal mit an ein Konzert im VIP-Bereich? Ich kenne dort sonst niemanden". Natürlich machen wir das. Auch wenn wir es nicht lange aushalten, so stier war`s!
VIP ist doch nicht alles! Einiges ist vielleicht einfacher, etwa das mit den sauberen WCs ohne Warteschlangen, doch nicht mehr und auch nicht weniger. VIPs sind doch noch normal geblieben, auch wenn sie dies zeitweise vergessen.
