2006-11-18
Slam Movie Night - Dein Film gegen das Publikum

Die Slam Movie Night hat zweifellos ihre Reize. Kein Wunder also, zog sie letzten Freitag für St. Galler Verhältnisse ungewohnte Massen an Zuschauer an. So viele St. Galler Filme wie Besucher waren sicher nicht am Start, doch auch St. Gallen ist bei den Filmschaffenden kein unbeschriebenes Pflaster mehr.

10 vor 10, heute in den Nachrichten: Das Slam Movie Night-Fieber grassiert in weiten Teilen der Schweiz. Überall sind chronische "Buh"-Rufer zu verzeichnen. Heute im Interview: der Meister aller Slam Movie-Moderatoren, John. "Was bedarf es für ein Training, sich zwischen Film und Publikum zu stellen?" - "Natürlich braucht es Kraft, sich wild gewordenen "Buh"-Rufern in den Weg zu stellen, aber auch sprachliches Geschick, einem schlechten Film in sanften Worten eine Abfuhr zu erteilen. Und nicht zu unterschätzen, die psychologische Betreuung der ausgebuhten Regisseure."

Wir kennen kein Pardon, jetzt geht es zur Sache. Das Publikum wird mit freien Imitationen von Brokeback Mountain, vom grossen Krabbeln oder von Billy Elliot angeheizt. "Frei" sei hier wörtlich genommen, denn ganz Jugendfrei sind die wenigsten Filme und erst recht nicht Frauenfreundlich. Die Frauen kommen zwar unter die Räder, doch mit den Rauchern wird im weiteren Verlauf des Abends noch viel härter verfahren.

Nachdem die St. Galler so richtig in "Buh"-Stimmung gebracht worden sind, das Fräulein Meier ihren Brieftumbler (sortiert Sexfilmeinsendungen von Krimis) in Betrieb genommen hat und der SMI (Slam Movie Index) auf ein Jahreshöchst gestiegen ist, kann es losgehen. Das Publikum ist wirklich in Buh-Stimmung, denn der erste Film "From behind" fliegt nach wenigen Frames bereits aus dem Rennen, obwohl der Sound einiges zu versprechen schien. "Dä isch äs jetzt nöd so gsi", wie John in eingangs beschriebener psychologischer Form zu sagen pflegt.

Der erste Schocker folgt gleich: "Schweinefleisch", eine Dokumentation über das Lebensende eines armen Schweins. Die Zuschauer haben wohl einen schwachen Magen, denn noch bevor auch nur ein Tropfen Blut fliesst, ist der Film draussen. Eigentlich komisch, denn normalerweise kommen "Splatter Movies" mit viel Blut bestens an. Es scheint, als ob das Publikum diesmal mehr gefallen an Kunstblut gefunden hätte.

Das kann ja noch heiter werden. Bis jetzt hat es kein Film geschafft, seinen Abspann zu zeigen. Müssen wir wohl in die Verlängerung, um noch einen Kandidaten fürs Finale zu finden? Einige Perlen, die selbst einem kritischen Publikum kein Buh abgewinnen konnten, sind dann doch zu finden. Was aber nicht heissen muss, dass diese Filme auch im Final noch Applaus gewinnen können. St. Gallen eben. So etwa "Der Hacker", ein Filmchen, in welchem Brute force (mit roher Kraft) wörtlich genommen wird, und das Passwort kurzerhand mit dem Hackbeil geknackt wird. Originell, aber ohne jede Chance, im Final zu bestehen.

So viele schöne und spannende Filme, die keine Chance gehabt haben, doch einer hat es St. Gallen angetan. "Snatch and Kittie", ein Mix aus Animationsfilm und menschlichen Darstellern. Ein technisches Wunderwerk, wenn man bedenkt, dass nur jene Sequenzen des Filmes gezeigt werden, bei welchen die Darsteller in der Luft schweben. So kann der Walliser Nicolas Steiner mit seiner charmanten Art das Publikum auf seine Seite ziehen.

Zu einem Thema will ich noch was loswerden, obwohl der Sieger schon feststeht. Wir Männer sind die schlechtesten Wesen der Welt, so zumindest die Einschätzung der meisten männlichen Regisseure. "Essen, schlafen, ficken", mehr brauchen wir deren Ansicht nach nicht. Und kümmert sich mal ein Vater um sein Kind, so will er im Grunde nur Arschkriechen (primitive Gewalt der Männer). Wie Recht sie doch haben, auch wir haben unsere Waffen.

Leider neigt sich ein spannender, lehrreicher und unterhaltsamer Abend bereits wieder dem Ende zu. Es zeigte sich auch dieses Jahr wieder, dass St. Galler kritisch sind, sich in der Gallusstadt jedoch auch Filme nicht historischen Formats drehen lassen. Wir freuen uns jetzt schon auf Ausgabe Nummer drei, bei der sich St. Gallen von seiner ganz anderen Seite zeigen kann.